Selbst denken. SchülerInnen schreiben philosophische Essays

Ein Essay ist ein diskursiver Text, in dem sich der Autor kompetent und überzeugend mit einer philosophischen Fragestellung befasst. Relevanz und Verständnis, Überzeugung, Stimmigkeit und Originalität gelten als zentrale Kriterien.

Ausgehend von der Universität Sofia (Bulgarien) entwickelte sich seit 1989 die Internationale Philosophie-Olympiade (IPO) als Schülerwettbewerb, an dem aktuell neben Deutschland über 40 Länder teilnehmen. Die zwei deutschen Vertreter werden unter den bundesweit besten 26 Schülerinnen und Schülern ermittelt, die sich in der „Winterakademie“ in Münster treffen und wieder eigene Essays unter Klausurbedingungen in einer Fremdsprache schreiben. Dieses Jahr ist Montenegro Gastgeber der IPO.

Um an der Winterakademie teilzunehmen, schrieben Schülerinnen und Schülern der Ethik- und Philosophiekurse (ab Stufe 11) insgesamt 69 Beiträge, von denen die besten 12 Essays an die Landesjury in Mainz eingereicht wurden. Folgende Autorinnen konnten besonders überzeugen:

Anna Ashraf (13), Maja Coors (13), Lotte Jung (11), Vanessa Kasto (11), Hannah Kühnhold (11), Jelena Meinen (13), Zoe Minn (11), Valerie Simon (11), Lucy Spenthof (13), Julia Stallgies (11), Tabea Unkel (13), Gizem Yaman (13)

Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt wirklich hervorragende Texte gestaltet. Aus vier Themenvorschlägen konnten die Teilnehmer auswählen:

I. „Denn in den Demokratien, wo nach dem Gesetze regiert wird, ist kein Raum für Demagogen, sondern die tüchtigsten Bürger stehen an der Spitze. Wo aber die Gesetze nicht in Geltung stehen, da gedeihen die Demagogen. Denn hier wird das Volk zum Monarchen, indem es ein einheitlicher, aus vielen zusammengesetzter Souverän wird. Denn die Menge ist hier Herr; nicht der Einzelne, aber die Gesamtheit. (…) Ein solches Volk, das tatsächlich Monarch ist, sucht seine Herrschaft in der Weise auszuüben, dass es sich nicht dem Gesetz unterstellt, und wird so despotisch.“ (Aristoteles. Politik. Kap. Verfassungs-formen. (In: Aristoteles. Die Hauptwerke. Übersetzt von Wilhelm Nestle. Stuttgart [8. Aufl.] 1977, S. 310f.)

II. Sind gute Argumente erfolgreich?

III. „Neurowissenschaftler können sich auf den Standpunkt stellen, dass sie ebenso gegen den Aberglauben kämpfen wie diejenigen, die das Vokabular über Hexen als unsinnig entlarvt haben. Und es ist nicht auszuschließen, dass sie damit Erfolg haben. Doch dieser Erfolg wird sich als Ergebnis eines Kampfes einstellen. In dieser Auseinandersetzung reagieren Menschen auf Vorschläge zur Beschreibung von Menschen, oder pathetischer ausgedrückt: Sie ringen miteinander um ihr Selbstverständnis. (…) Welche Relevanz eine biologische Tatsache für das menschliche Selbstverständnis hat, wird durch die Tatsache selbst nicht festgelegt.“ (Michael Hampe. Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. Berlin 2014, S. 227)

IV. „Wir dürfen unser / Leben / nicht beschreiben, wie wir es / gelebt haben / sondern müssen es / so leben / wie wir es erzählen werden: / Mitleid / Trauer und Empörung.“
(Guntram Vesper, geb. 1941, „Landmeer“. Aus: Die Inseln im Landmeer. Gedichte. Pfaffenweiler 1982, S. 30.)

Im Oktober 2018 startet der nächste philosophische Essaywettbewerb, der im Rahmen der historisch-philosophischen Schreibwerkstatt am Eichendorff-Gymnasium begleitet wird.

Oliver Simon